Marc Giai-Miniet

Malerei

Es gibt Kunstwerke, deren reine Sinnerfahrung Annäherung genug ist, bei denen ellenlange Interpretationen den künstlerisch ästhetischen Eigenwert eher mindern, als ihn zu mehren.
Im Falle Giai-Miniets ist sind diese nicht nur sinnvoll, sondern auch notwendig. Seine Art der Malerei entsagt dem gängigen Habitus der „Kunst-Welt“ vollkommen. Sie fällt nicht leicht, und die sonst eher verhalten gestellte oder gar nicht geäußerte Frage nach der Intention wird hier zu einem dringenden Bedürfnis.

Was gibt es denn hier zu sehen? Nun, da wären zunächst diverse Attribute aus dem Bereich der Anatomie – Herzen, Arterien, Gehirne, Organe, Gefäße, Kapillaren – sowie unheimlich anmutende organische Silhouetten, teilweise bandagiert oder verpuppt, leere Hüllen, ohne Inhalt, schwer zu greifen. Oft treffen sie auf verschiedene Konstruktionen, wie Treppen, Getriebe, Öfen oder Schornsteine.
Und immer wieder tauchen grafisch vereinfachte Verweise auf die um 1490 von Da Vinci skizzierte Darstellung des vitruvianischen Menschen auf.  Als Ergebnis zahlreicher Studien des Körperbaus und der -proportionen gilt sie als Symbol für die Ästhetik der Renaissance, für das naturwissenschaftliche Ordnungsdenken Leonardos, sowie ferner als Sinnbild für Symmetrie, Schönheit und Körperbewusstsein im Allgemeinen. Dieses erhaben Schöngeistige demontiert Giai-Miniet zugunsten einer schaurig-schönen Realität. Er reißt die Maske des „guten Gefühls“ herunter und fast meint man, ein kleines Lachen zu hören. Es scheint zu sagen: Seht her, das ist die Welt in der wir leben, einzig in der Ent-täuschung ist noch Wahrheit zu finden. Was kümmern die Errungenschaften der Wissenschaft, die immer schnellere Vernetzung der Welt, das Streben des Einzelnen nach mehr, wo doch eines und somit alles fehlt – ein kollektives, jedem Wissen und Streben vorausgehendendes Bewusstsein, ein Für- und Miteinander an Stelle des allgegenwärtigen Gegeneinanders.

BOXEN

Die Boxen des Marc Giai-Miniet sind ein beeindruckendes Beispiel für das Vermögen moderner Kunst, scheinbar vorhersehbare, banale Szenarien in etwas Absurdes, Verrücktes, dennoch visuell Beeindruckendes zu verwandeln.
Zu Beginn an Miniaturtheater oder Puppenhäuser erinnernd, schaut man hier in mehrstöckige Gebäudeansichten. Nicht endende Bibliotheken, verlassene Labore, unordentliche Aufbewahrungsräume, einsame, verwahrloste Wartezimmer, Verhörräume, Gefängniszellen – und immer wieder Stufen, Öfen, Rohre und Spuren von Ruß. Schnell fragt man sich, was genau man hier eigentlich betrachtet. Handelt es sich um reale Räume, oder betritt man hier eher die staubigen Ecken, Hinterzimmer und Untergeschosse des menschlichen Bewusstseins / der Erinnerung? Kein Mensch ist zu sehen, und doch scheint es, als seien die Räume belebt. Die unendlich scheinenden Bibliotheken weisen auf das seit Anbeginn der Zeit gesammelte Wissen der Menschheit hin, die Spuren von Verhör und Folter und die Atmosphäre der Verlassenheit hinterlassen einen bitteren Geschmack – Wissen ist nicht gleich Erkennen; gebracht zu haben scheint es nichts. Wie sagte schon Hermann Hesse: „Wir wissen alles, aber wir glauben nicht daran.“

(Sein Anliegen ist aktueller denn je – die Bilder sowie die Boxen Giai-Miniets haben wir am 13.11.2016 in Paris abgeholt.)

Vita:

1946in Trappes (in der Nähe von Versailles) geboren
besuchte die Ecole Nationale Supérieure des Beaux-Arts in Paris
bereits in jungen Jahren intensive Auseinandersetzung mit den Surrealisten, Kafka, Borges, Macheaux, Philosophie, Poesie
soziales / humanistisches / spirituelles Bewusstsein und daraus resultierende Verantwortung

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