IDENTITY – Ausstellung vom 15.4. – 7.5.2016

Längst hat die Selbstfotografie die Kunst verlassen. In den sozialen Netzwerken sind Selbstportraits, so genannte „Selfies“, ein allgegenwärtiges Massenphänomen. Das ARTLETstudio zeigt Aufnahmen von Anna Kant und Simone Zewnik, in denen die Künstlerinnen mittels aufwendiger Inszenierung über die simple Eigendarstellung hinaus gehen und sowohl eigene als auch allgemeine Empfindungen abbilden.

Hug
Hug

Anna Kant fotografiert seit ihrer Kindheit.
Sie schlüpft in verschiedene Rollen, bis sie mit ihnen verschmilzt. Am Ende ist nicht mehr klar, was Wahrheit und was Fiktion ist. In der Serie „Tzack Boom Bonjour“ inszeniert sie sich 2009 als fiktives Aktmodell großer Vorbilder wie Nan Goldin, Inez van Lamsweerde oder Jan Saudek. Dadurch entsteht eine sehr komplexe Situation: Einerseits muss sie für sich selbst herausfinden, auf welchen Empfindungen und Vorstellungen in der Vorlage der Fokus liegt. Zusätzlich bedarf die Verwendung diverser technischer und ästhetischer Instrumente einer eingehenden Prüfung. Sie benutzt keine Fernauslöser, sondern arbeitet mit Stativ und Selbstauslöser. Somit bleibt jeder vor entworfenen Szene etwas Spontanes, Willkürliches.

Nach dieser Fingerübung werden ihre Fotos zunehmend persönlicher. Schon die Titel der Werkserien – O La La (2010), Pain (2011), Initimacy (2012), Impulse, Dark Black (2013), Lust, One (2014), Love (2015) – zeugen vom Erwachsenwerden, von eigenen Erfahrungswerten. Noch immer ist die eigene Nacktheit Anna Kants bevorzugter Bildträger, aber der Abstand zur klassischen erotischen Fotografie nimmt zu. Das Interesse, mit der Umgebung, mit Gegenständen zu spielen oder den eigenen Körper mit diversen Materialien zu dekorieren zieht sich wie ein roter Faden durch sämtliche Werkserien.

Das Labyrinth im Kopf
Das Labyrinth im Kopf

Simone Zewnik inszeniert sich in Posen und Szenerien, die ihrer eigenen Vorstellung entspringen. Einerseits arbeitet sie sich an bestehenden weiblichen Rollenbildern ab – dem Pin-up, der Madonna, der Amazone, der Mutter oder der Geliebten. Zusätzlich sucht sie persönliche Vorstellungen, Fantasien, Ängste und Träume abzubilden. Sie lässt sich ganz in ihre intimen Abgründe und Unsicherheiten fallen und schont dabei weder sich, noch den Betrachter, welcher angesichts der grotesken Szenen vielleicht zunächst Unbehagen empfindet. Der Werktitel „Verrenkung weiblicher Figuren, die eine Illusion von Schönheit und Maß enträtseln wollen“ bringt es auf den Punkt. Simone Zewnik liegt nackt unter einer in Ober- und Unterteile zertrennten Schaufensterpuppe. Fast scheint es, als liege sie unter dieser begraben, während das makellose Puppengesicht selig über sie hinweg lächelt.

Wer ein Kunstwerk betrachtet, der erwartet oft etwas Ästhetisches, Schönes zu erfahren. Vor allem, wenn es sich dabei um eine Aktdarstellung handelt. Diese Bilder hingegen tun weh. Sie sind erschreckend, denn das, was man hier betrachtet, ist nicht gemalt, sondern fotografiert: Das Gesehene ist tatsächlich passiert, die vom Betrachter suggerierte Unbequemlichkeit wurde tatsächlich, körperlich empfunden. Dieser Umstand macht es vor allem der Betrachterin schwer, sich von der Darstellenden zu distanzieren.

„Identity“ – Self-portrayals (SUMMARY)

Self-portraits have left the domain of art long ago. We find self-portraits – so-called „selfies“ – as a pervasive mass phenomenon in social networks. The ARTLETstudio will show photographs by Anna Kant and Simone Zewnik in which the women artists – by means of intensive art installation – go beyond a simple self-presentation and portray their own emotions as well as general feelings.